DUB UNTERNEHMER-Akademie: Wie definieren Sie persönlich Innovation? Muss eine Innovation immer disruptiven Charakter haben oder können auch graduelle Veränderungen innovativen Charakter haben?

Wildemann: Kreativität, Neuerung und Mut sind für uns die zentralen Elemente von Innovation. Grundsätzlich geht für uns Innovation immer mit einem Wandel einher, der sozialer, technischer oder wirtschaftlicher Natur sein kann.
Kontinuierliche und erhaltende Innovationen verbessern bestehende Produkte/Lösungen, hier nimmt man graduelle Veränderungen vor. Diese können zwar radikal sein, sind aber nicht disruptiv, wie die mp3 Innovation vor 25 Jahren.

Unsere Innovation der digitalen Kinderbetreuung ist zum Beispiel eine erhaltende Innovation, die wirtschaftlicher und sozialer Natur ist. Wir bieten Lösungen für Unternehmen und Eltern auf dem Weg hin zu einer neuen hybriden Arbeitswelt.

DUB UNTERNEHMER-Akademie: Was zeichnet das Innovationsmanagement in Ihrem Unternehmen aus? Und welche Rolle spielt bei Ihnen der CEO im Innovationsprozess?

Wildemann: Aus unserer Sicht braucht es vor allem Raum für neue Ideen. Diesen Raum muss man schaffen und vor allem erhalten. Dafür braucht es eine gute Wertebasis, auf die man aufbauen kann. Dazu gehört vor allem Vertrauen in der gesamten Belegschaft und eine Fehlerkultur, die Fehler nicht nur erlaubt sondern als ein selbstverständliches Element vom Menschsein und von Innovation betrachtet. Auch Unsicherheit, die bei vielen Menschen durch Neues hervorgerufen wird, muss gesehen und begleitet werden.

Aufbauend auf Kreativität, Neuerung und Mut sehen wir im äußeren Ring unseres Innovationskreises die Umsetzung und agiles und flexibles Arbeiten als zentrale Faktoren. Bei uns finden zwar regelmäßig Brainstorming-Treffen statt, aber viel wichtiger scheinen uns der direkte Draht und kurze Wege. Ideen kommen manchmal beim Joggen oder Duschen und dann gilt für uns, diesen Moment zu nutzen, direkt den Dialog zu suchen und sich auszutauschen.

Unsere CEO war zum Zeitpunkt der Einführung unserer Innovation eine One-Woman-Show, die mit freiberuflichen Betreuungspersonen zusammengearbeitet hat. In ihrer Rolle hat sie es geschafft, die Idee einer neuen Form von Kinderbetreuung als Impuls an das externe Team zu transportieren und einen kreativen Raum zu schaffen. Gemeinsam wurde dann das „Kids Circle-Haus“ kreiert; eine digitale Betreuung für bis zu 4 Kinder, die zusammen basteln, zaubern oder tanzen.

Die CEO versucht in ihrer Rolle Kreativität zu bündeln, Marktkenntnis einzubringen, schnell in Umsetzung zu gehen und das Produkt zu testen.

DUB UNTERNEHMER-Akademie: Welchen Einfluss hatte die Corona-Krise auf die Kreativität und den Willen, etwas Neues zu schaffen, in Ihrem Unternehmen?

Wildemann: Für ein junges Start-up wie unseres ist die Pandemie eine große Herausforderung, die zunächst viel Unsicherheit mit sich gebracht hat. Wir hatten unseren Markteintritt zum 1.4.20 vorbereitet und wollten an 15 Standorten in Berlin mit flexibler Kinderbetreuung in Wohnortnähe starten. All unsere Kids-Coaches und Partner standen in den Startlöchern, doch dann mussten wir Mitte März die Reißleine ziehen. Das war ein drastischer Schritt. Nachdem alles „on hold“ gesetzt wurde, haben wir im Team innerhalb von 2 Wochen Kinderbetreuung neu gedacht und die digitale Kinderbetreuung konzipiert und umgesetzt.

D.h. wir waren gezwungen, nach neuen Lösungen zu suchen, wie wir Eltern dennoch dringend notwendige Betreuungsangebote zugänglich machen können.

Hinzu kam dann der Lock down, der viele Eltern und Kinder an die Grenzen gebracht hat. Dieser gesellschaftliche Wandel hat quasi wie ein Motor auf unser Angebot gewirkt. Wir sprudelten vor Kreativität und haben unser komplett neues digitales Produkt in einem Lean-Prozess eingeführt. Hierbei galt es, den Fokus zu behalten, eng mit den Eltern – unseren Kunden – im Kontakt zu sein und diese zu begleiten. Wir haben alle Neuland betreten und deshalb war es für uns ein zentrales Element, zu beobachten und zu erfassen, ob die neue Form der Kinderbetreuung den Kindern gut tut und wie sie damit umgehen.

Wir sind also in einen kreativen Prozess gegangen, der über Monate anhielt. Durch all die neuen Eindrücke und Erfahrungen unseres gesamten Umfeldes hat sich ganz viel positive Energie gebildet, die es galt in die Umsetzung zu bringen.

DUB UNTERNEHMER-Akademie: Von der unternehmensinternen Entwicklungsabteilung bis hin zur Kooperation mit Start-ups oder auch Hochschulen: Woher weiß ich als Unternehmer, welcher Weg für mich der Beste ist, um innovative Ideen hervorzubringen?

Wildemann: Aus Sicht eines Start-ups ist es immer gut, eng mit anderen Start-ups im Austausch zu sein. Da beide Seiten ein ähnliches Tempo und Mindset haben, befinden sie sich quasi auf dem selben Boden. Zurückblickend auf unsere Teilnahme an einem Accelerator mit 50 anderen Start-ups, scheint uns dies ein guter Weg zu sein, um immer im innovativen Prozess zu bleiben; auch wenn die Ressourcen knapp sind.
Interessant finden wir weiter die Zusammenarbeit mit Hochschulen, um hier das akademische/forschende Element hineinzubringen, da dies wiederum gekennzeichnet ist von genauer Analyse, Fokus und sauberer Abgrenzung.

Die Zusammenarbeit mit Corporates ist zudem wichtig, um Prozesskenntnis zu erhalten und den Markt besser zu verstehen.

Start-ups sind bekanntermaßen Treiber von Innovationen. Sie sind neugierig, klein, beweglich, schnell und mutig und fokussieren sich meist auf eine Nische bzw. auf ein handhabbares Kundenproblem, das sie bearbeiten. Sie haben dazu tiefe Marktkenntnis, die es für Innovationen braucht.
Auch bei der Suche nach dem richtigen Weg, um innovative Ideen hervorzubringen, sehen wir „Testen, Testen, Testen“ als den richtigen an.

Aus Sicht eines Corporates plädieren wir stark für Zusammenarbeit mit Start-ups, um deren Innovationskraft ins Unternehmen zu holen.
Spannend sind auch unternehmensinterne Formen wie Squad oder Chapter, die fachübergreifend in autarken Teams an einem klar umrissenen Aufgabenbereich arbeiten, wie z.B. bei der
Telekom/Magenta App.

Auch die Implementation von eigenen Accelerators ist ein guter Weg, um der Trägheit des großen Unternehmens zumindest ein Stückchen entgegenzutreten.

DUB UNTERNEHMER-Akademie: Warum und wie ist die von Ihnen eingereichte Innovation entstanden? Was zeichnet diese Innovation aus?

Wildemann: Warum ist die Innovation entstanden?

Innovationsauslöser war die COVID-19 Pandemie. Es handelt sich um eine Market-Pull-Innovation, weil sie vom Markt ausgegangen ist und durch konkreten Kundenbedarf initiiert wurde.
Zunächst​ war die digitale Betreuung ein Angebot für Eltern, die mit ihren Kindern in der Phase des Lock downs auf einmal im Home Office arbeiten mussten und Unterstützung benötigten.

Mittlerweile​ ist es zusätzlich ein Angebot für Unternehmen, die Mitarbeitenden mit Kindern – gerade auch im Zuge der New Work-Renaissance – ein flexibles Mitarbeiter-Benefit zur Entlastung anbieten möchten.

Wie ist die Innovation entstanden?

Durch die Digitalisierung einer Produktidee, die innerhalb von 2 Wochen umgesetzt wurde und nun mittlerweile seit April 2020 am Markt ist.

Was zeichnet sie aus?

Wir haben eine neue Betreuungsform für Kinder zwischen 4 und 11 Jahren entwickelt, auf die Eltern im häuslichen Bereich zurückgreifen können. Sie funktioniert wie eine Video-Konferenz.
Die Lösung unterstützt Eltern bis zu 2 Stunden pro Tag und bietet mit einer großen Auswahl an Inhalten aus Theater, Musik, Kunst, Tanz & Bewegung, Natur und Spiel eine abwechslungsreiche und fördernde Betreuung. Im Fokus steht ein Angebot ohne Leistungsgedanken, soziale Interaktion und viel Zeit für die Kinder. Die Kinder interagieren, kommen ins Gespräch und werden vom jeweiligen Kids-Coach zur Beschäftigung angeregt. Dazu fördern wir spielerisch die Digitalkompetenz der Kinder und manchmal auch der Eltern.;-) Sie lernen den Umgang mit dem Computer oder Tablet und digitalen Lösungen wie Video-Konferenzen und Online-Tools.

Darüberhinaus entlasten wir das System, in dem wir zusätzliche Betreuungsangebote schaffen.
Die Angebote sind online und flexibel bis 3 Stunden vor Beginn buchbar und die gesamte administrative Abwicklung erfolgt digital.

Aus Sicht von Unternehmen können diese mit der digitalen Kinderbetreuung ein innovatives und vor allem flexibles Mitarbeiter-Benefit anbieten, um sich nach innen und nach aussen als familienfreundliches Unternehmen zu positionieren.

Was uns noch wichtig ist:

Wir leisten unseren Beitrag, das gesellschaftliche Verständnis für den Wert von Arbeit im Bereich Kinderbetreuung zu verändern, indem wir für Anerkennung und angemessene Entlohnung stehen sowie Mütter und Väter als auch Menschen im Rentenalter einbinden.